Der «Illusory Truth Effect» und die «Echokammern» in Basel und der Region

    Wie Online-Kommentare den Diskurs in der Nordwestschweiz verzerren können

    Wer sich regelmässig durch die Kommentarspalten der regionalen Medien in Basel und der Nordwestschweiz bewegt, erkennt rasch ein wiederkehrendes Muster. Unter Artikeln der Basler Zeitung, regionaler Onlineportale oder auch nationaler Titel mit starker lokaler Leserschaft tauchen sie zuverlässig auf: dieselben Namen, dieselben Stimmen, dieselben Argumentationslinien. Sie kommentieren nicht nur häufig. Sie kommentieren (fast) alles. Und sie kommentieren mit einer Konstanz, die weit über gewöhnliche Leserbeteiligung hinausgeht.

    (Bilder: PEXELS) Die Empörungskultur macht sich breit in den Online-Kommentarspalten der regionalen Medienpublikationen (Symbolbild).

    Was ursprünglich als Erweiterung des journalistischen Diskurses gedacht war – als Raum für Einordnung, Kritik und Ergänzung – hat sich in vielen Fällen zu einem Resonanzraum für einige sehr aktive Kommentierenden entwickelt. Diese prägen nicht nur teilweise den Ton in den Foren, sondern zunehmend auch einen Teil der Wahrnehmung von Realität. Denn im digitalen Raum gilt eine einfache, aber folgenreiche Logik: Wer oft spricht, wird gehört. Wer ständig wiederholt, wird geglaubt und immer seltener hinterfragt. Auch wenn teilweise nur Halbwissen inhaltlich abgesondert wird oder aus dem Kontext gerissene Details.

    Gerade in der Nordwestschweiz und Basel insbesondere zeigt sich dieses Phänomen in einer erstaunlichen Verdichtung. Die regionale Nähe der Themen erzeugt eine hohe Identifikation, gleichzeitig aber auch eine starke Emotionalisierung. Themen werden schnell persönlich. Internationale Konflikte werden in den lokalen Diskurs hineingezogen und moralisch aufgeladen. Die Kommentarspalten sind dabei weniger ein Ort des Austauschs als vielmehr ein Spiegel kollektiver Erregung – und zunehmend auch ein Spielfeld für jene, die den Diskurs aktiv prägen wollen. Da stellt sich die Frage: Wie kann man verhindern, dass die Kommentar-Foren zur Echokammer der «nützlichen Idioten» werden beziehungsweise wie verhindert man, dass diese Foren von «Meinungsbildnern» gekapert werden?

    Das «Echo der Immergleichen»?
    Dabei lassen sich in der Praxis zwei wiederkehrende Muster beobachten. Da sind zum einen die Allgegenwärtigen, die unter nahezu jedem Artikel erscheinen, unabhängig vom Thema. Sie reagieren reflexhaft, oft innerhalb kürzester Zeit. Ihre Beiträge folgen erkennbaren Linien, inhaltlich wie rhetorisch. Es geht weniger um Analyse als um Präsenz. Daneben existiert eine zweite Gruppe, die deutlich selektiver auftritt, dafür aber mit umso grösserer Intensität. Diese Stimmen erscheinen fast ausschliesslich bei bestimmten Themen, insbesondere bei geopolitischen Konflikten. Kaum ein Artikel mit Bezug zu Gaza, Israel oder zur Rolle der USA, der nicht innerhalb kürzester Zeit von einer kleinen, auffällig aktiven Gruppe von Kommentatoren bespielt wird. Die Argumentationsmuster bleiben dabei erstaunlich gleich, manchmal gar unabhängig vom konkreten Inhalt des Artikels. Es entsteht der Eindruck eines permanenten Diskurses, der weniger auf Fakten und deren Einordnung reagiert als vielmehr bestehende Narrative reproduziert.

    Die Kommunikationswissenschaft beschreibt genau diesen Mechanismus seit Jahren. Der sogenannte «Illusory Truth Effect» besagt, dass Aussagen allein durch Wiederholung an Glaubwürdigkeit gewinnen. Nicht weil sie besser belegt sind, sondern weil sie vertraut erscheinen. Vertrautheit ersetzt Prüfung. «Steter Tropfen höhlt den Stein» erhält in den digitalen Kommentarspalten eine neue, beinahe systemische Dimension. Was oft genug behauptet wird, beginnt irgendwann, wie eine Tatsache zu wirken. In den Kommentarspalten regionaler Medien lässt sich dieser Effekt nahezu in Reinform beobachten. Bestimmte Narrative tauchen immer wieder auf, leicht variiert, aber in ihrer Grundstruktur konstant. Einzelne Kommentatoren tragen diese Narrative über Wochen und Monate hinweg weiter. Die Wiederholung ersetzt dabei zunehmend die inhaltliche Auseinandersetzung.

    Verstärkt wird diese Dynamik durch einen weiteren Faktor, der sich der direkten Beobachtung oft entzieht: die mögliche Rolle koordinierter oder automatisierter Accounts. Während soziale Netzwerke intensiv auf sogenannte Bots untersucht wurden, ist ihre Präsenz in den Kommentarspalten klassischer Medien schwerer nachweisbar. Die Muster jedoch sind vergleichbar. Hohe Aktivitätsfrequenzen, wiederkehrende Argumentationsstrukturen und eine auffällige thematische Fixierung deuten zumindest darauf hin, dass nicht alle Beiträge rein spontan entstehen. Ob es sich dabei um reale Personen, organisierte Gruppen oder teilautomatisierte Profile handelt, bleibt in manchen Fällen offen. Die Wirkung jedoch ist eindeutig. Narrative werden verstärkt, Gegennarrative verdrängt, und durch schiere Präsenz entsteht der Eindruck von Mehrheiten, die in dieser Form oft gar nicht existieren.

    Sichtbarkeit entsteht durch Aktivität – nicht durch Argumentation
    Diese Entwicklung wird durch die technischen Rahmenbedingungen zusätzlich verstärkt. Sichtbarkeit entsteht durch Aktivität. Wer oft kommentiert, bleibt präsent. Wer zuspitzt, wird wahrgenommen. Wer provoziert, erzeugt Reaktion. Differenzierte Stimmen hingegen gehen im Strom der Beiträge unter. Es ist eine Logik der Aufmerksamkeit. In diesem Umfeld genügt es, ein Argument oft genug zu wiederholen, um es im Diskurs zu verankern.

    Besonders problematisch wird dies, wenn sich diese Mechanismen mit ideologischen oder verschwörungstheoretischen Inhalten verbinden. Ein historisches Paradebeispiel für die Wirkung solcher Narrative sind die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Pamphlet, längst als Fälschung entlarvt, entfaltete seine Wirkung nicht aufgrund seiner faktischen Grundlage, sondern aufgrund seiner massenhaften Verbreitung und permanenten Wiederholung. Das zugrunde liegende Prinzip ist zeitlos. Eine Behauptung wird in Umlauf gebracht, vielfach wiederholt, emotional aufgeladen und in unterschiedliche Kontexte eingebettet. Mit der Zeit entsteht eine narrative Realität, die sich von überprüfbaren Fakten löst. In den heutigen Kommentarspalten zeigt sich dieses Muster in digital beschleunigter Form. Aussagen werden wiederholt, zugespitzt und zunehmend entkontextualisiert. Kritik kann dabei in Dämonisierung übergehen, Analyse in Pauschalisierung, Diskussion in ideologische Frontstellung.

    Gerade beim Thema Israel lässt sich diese Dynamik besonders deutlich beobachten. Die Bandbreite legitimer Kritik wird häufig überlagert von wiederkehrenden Narrativen, die kaum noch zwischen politischer Analyse und ideologischer Projektion unterscheiden. Einzelne Stimmen treten mit einer Regelmässigkeit auf, die den Eindruck eines permanenten Diskurses erzeugt. Dieser Diskurs entsteht jedoch weniger aus Vielfalt als aus Wiederholung.

    Online-Foren: Was ursprünglich als Erweiterung des journalistischen Diskurses gedacht war hat sich in vielen Fällen zu einem Resonanzraum für einige sehr aktive Kommentierende entwickelt.

    Eine Herausforderung für die Medienhäuser
    Eine zusätzliche Ebene erhält dieses Phänomen durch die Rolle der Verlage selbst. Denn die Frage, welche Kommentare sichtbar werden und welche nicht, ist nicht immer nachvollziehbar. Das wurde auch in einem wiederholten und über einen Zeitraum vollzogenen Selbstversuch getestet. Grundsätzlich besteht in der Branche Einigkeit darüber, dass Kommentarspalten moderiert werden müssen. Gleichzeitig zeigt sich jedoch ein strukturelles Problem. Gute Moderation ist aufwendig, teuer und personell anspruchsvoll. Gerade regionale Medienhäuser verfügen oft nicht über die Ressourcen, um grosse Kommentarbereiche konsequent durch Menschen betreuen zu lassen. Die Folge ist ein hybrides System, in dem automatisierte Filter einen grossen Teil der Arbeit übernehmen.

    Diese Systeme, oft auf KI Basis, entscheiden anhand von Mustern, Schlüsselwörtern und statistischen Wahrscheinlichkeiten darüber, ob ein Kommentar veröffentlicht wird oder nicht. Erst in einem zweiten Schritt greift, wenn überhaupt, menschliche Moderation ein. Dieses Verfahren ist effizient, aber zwangsläufig ungenau. Sprache ist kontextabhängig, ironisch, vielschichtig. Algorithmen erkennen Muster, aber keine Intention. So entsteht ein Bild, das viele Nutzer irritiert. Vergleichsweise harmlose Kommentare bleiben hängen oder werden gar nicht freigeschaltet, während zugespitzte, polemische oder grenzwertige Beiträge sichtbar sind. Was wie Willkür wirkt, ist oft das Resultat technischer Grenzen und knapper Ressourcen.

    Hinzu kommt ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt. Moderation bedeutet immer auch Selektion. Und Selektion führt zwangsläufig zum Vorwurf der Zensur. Wo genau die Grenze zwischen legitimer Meinungsäusserung und missbräuchlicher Kommunikation verläuft, lässt sich nicht eindeutig definieren. Zu viel Kontrolle gefährdet die Glaubwürdigkeit, zu wenig Kontrolle die Qualität des Diskurses.

    Einige Medienhäuser haben Konsequenzen gezogen und ihre Kommentarspalten ganz abgeschafft oder stark eingeschränkt. Für regionale Medien in Basel und der Nordwestschweiz ist dieser Schritt jedoch schwierig. Zu wichtig ist die Nähe zur Leserschaft, zu zentral die Möglichkeit zur Interaktion. Gleichzeitig bleibt die Realität bestehen, dass wenige, hochaktive Stimmen den Diskurs sichtbar dominieren.

    Kommentarspalten regionaler Medien sind kein neutraler Raum mehr
    Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass sich daraus ein verzerrtes Bild von Öffentlichkeit entwickelt. Leserinnen und Leser treffen auf eine scheinbare Mehrheitsmeinung, die in Wirklichkeit das Produkt von Wiederholung ist. Der Diskurs verschiebt sich, nicht durch bessere Argumente, sondern durch höhere Frequenz. In einer digitalen Umgebung, in der Informationen fragmentiert und kontextlos konsumiert werden, gewinnt dieser Mechanismus zusätzliche Kraft.

    Die Kommentarspalten regionaler Medien sind damit längst kein neutraler Raum mehr. Sie sind ein eigenständiges Kommunikationssystem geworden, geprägt von wenigen, aber präsenten Stimmen, verstärkt durch technische Systeme und getrieben von der Logik der Aufmerksamkeit. Basel und die Nordwestschweiz sind dabei kein Sonderfall, aber ein besonders gut beobachtbares Beispiel.

    JoW


    Der Autor beschäftigt sich beruflich mit narrativer Halluzination in PR und Promotion.

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